Ansprache 20.5.2012

MehrWegGottesdienst

Thema

Wem ghörschd'n Du oo?

Datum

20.5.2012

Baustein

Ansprache beim MehrWegGottesdienst: „Wem ghörschd'n du oo?“

So, machen wir doch mal einen ganz einfachen Test. Wer war gestern für die Bayern, ganz ehrlich? Und wer ist ab heute wieder für einen anderen Fußballverein, egal jetzt für welchen?

Tja – wo ich dazugehöre, das kann sich manchmal ziemlich schnell ändern. Die besten Freunde können durch eine einzige blöde Situation zu erbitterten Feinden werden. Umzüge setzen mich in ein völlig neues Umfeld, in dem ich mir neue Beziehungen erst erarbeiten muss und alte Beziehungen nur noch schwer aufrechtzuerhalten sind. Und und und...

Wir haben heute ja auch große Freiheiten, unser Leben zu gestalten. Das bedeutet aber andererseits auch, dass Bindungen aufgerissen werden, die früher mal selbstverständlich waren. Der Sohn einen Bäckers wird halt nicht mehr Bäcker, sondern vielleicht Physiker. Was früher ein fester Rahmen war, der dem Leben auch einen gewissen Halt gab, ist heute lange nicht mehr so fest. Da werden die Beziehungen noch wichtiger, und eben diese Frage:

Wem ghörschd'n du oo?

Als die Idee für dieses Thema aufkam, dachte ich zuerst: So ein Quatsch. Da kann man doch keinen Gottesdienst draus machen. Ich muss gestehen: Ich habe mich getäuscht. Wir hätten mal wieder drei draus machen können, weil wir so viele Gedanken dazu hatten.

Wo gehöre ich hin? Das ist ja oft nicht so ganz einfach zu beantworten. Am Freitag mit der Wagenkirche haben wir ein paar Leute, die vorbeikamen, das gefragt. Die waren erst mal verwirrt, weil sie nicht wussten, worauf sich die Frage bezog. Ein paar Schüler haben dann geantwortet „Rückertschule“. Einige haben ihre Arbeitsstelle genannt. Aber das ist ja alles nur ein Teil des Lebens.
Wem gehöre ich an? Freunde sind etwas sehr Wichtiges. Menschen, mit denen ich mich blind verstehe. Denen ich vertrauen kann. Ich weiß: Nicht jeder hat solche Freunde. Aber ich glaube, jeder sehnt sich danach, solche Freunde zu haben. Vielleicht kommt daher auch die Vergleicherei bei Facebook: „Ich habe 1400 Freunde, und du nur 830!“. Natürlich weiß jeder, dass es da nicht um echte Freundschaft geht, sondern nur um lose Kontakte. Aber selbst da gibt eine hohe Zahl doch das Gefühl: Ich bin wer. Ich bin nicht allein. Ich bedeute anderen etwas.

Wem gehöre ich an? Jesus hat da eine ziemlich krasse Antwort gefunden, als es um seine Familie ging. Die standen bei einer seiner Reden draußen und ließen ihm ausrichten „Deine Familie ist hier, wir wollen mit dir sprechen!“

Und was macht Jesus? Er setzt ganz andere Prioritäten. Mt 12, 48-50: Er antwortete aber und sprach zu dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?
49 Und er streckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!
50 Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.

Gut, bei Jesus ist das irgendwie klar: Seine wichtigste Beziehung ist die zu Gott. Nicht zu seiner Familie. Das heißt – nein, so hat er das gar nicht gesagt: „Wer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter“. Es geht also doch um die Menschen, nicht um Gott.

Manche jammern ja, dass das Christentum auf dem Rückzug ist. Wer nimmt die Christen schon noch ernst. Die werden sowieso immer weniger. Vielleicht sollten wir – ich spreche da jetzt erst einmal für mich selbst – uns selbst wieder ernster nehmen. Uns wirklich als eine große Gemeinschaft begreifen. Und die ist größer als wir oft denken.

Letztes Wochenende war ich auf einer Tagung namens Relicamp in Frankfurt. Da trafen sich Menschen, die in irgend einer Weise Kirche im Internet vertreten. Bei Facebook, Twitter oder auf eigenen Websites. Und auch wir haben festgestellt: Da gibt es so eine gewisse abschätzige Grundtendenz, die es einem regelrecht schwer macht, zu sagen: „Ja, ich gehöre dazu!“ Dann haben wir mal zusammengerechnet, wie viele Menschen im deutschsprachigen Raum eigentlich offiziell noch zu einer christlichen Kirche gehören. Zugegeben, Österreich und die Schweiz haben es doch ziemlich rausgerissen, aber wir hätten selber nicht gedacht, dass wir auf gut 70% kommen. Daraus haben wir eine Aktion gemacht. Wir wollen, dass die Leute stolz darauf sein können, zu diesen 70 Prozent zu gehören. Wir wollen zeigen, dass es gut ist, dabei zu sein. Und wir wollen auch zeigen, dass diese 70 Prozent etwas Gutes für unsere Gesellschaft sind, etwas, wo es sich lohnt, dabei zu sein. Dafür gibt's jetzt die Website www.70prozent.org und auch eine Facebookseite. Wir laden alle ein, mitzumachen. Zu zeigen: Ich gehöre zu den 70 Prozent. Ich gehöre gern dazu, weil...

Wem ghörschd'n du oo?

Wer getauft ist, gehört dazu. Zu Gott. Vielleicht gibt es Zeiten, in denen einem das schwerfällt, das zu glauben. In denen es sogar unmöglich ist. Gott macht das nichts aus. Seine Einladung bleibt: Wenn du willst, gehörst du jederzeit dazu.

Das ist eine Einladung in Freiheit. Es geht ja nicht darum, Dogmen und Vorschriften haarklein zu befolgen. Es geht darum, einen Rahmen für das eigene Leben zu bekommen. Eine Gemeinschaft zu erleben, die einen tragen kann, auch wenn's einem selber mal nicht so gut geht. Dazuzugehören zu einer weltweiten Gemeinschaft. Dazuzugehören zu Gott, auch wenn ich vielleicht nicht alles verstehe und auch so manche Zweifel und Probleme habe.

Wenn du dich darauf einlässt, dann berühren sich Himmel und Erde. Amen.