Ansprache 7.2.2010

MehrWegGottesdienst

Thema

Alles Maske? Gott ist anders - ich auch

Datum

7.2.2010

Baustein

Ansprache beim ersten MehrWegGottesdienst
Schweinfurt, 7.2.2010
[img_assist|nid=76|title=|desc=|link=url|url=http://www.mehrweggottesdienst.de/category/image-galleries/722010|align=right|width=150|height=113]
Der liebe Gott sieht alles. Mit diesem Satz sind früher viele Kinder aufgewachsen, und ich befürchte, auch heute noch, wird er oft zu Erziehungszwecken missbraucht. Ja klar, für die Eltern ist das eine praktische Sache. So kann man den Kindern ein schlechtes Gewissen einreden. Du willst Nutella naschen? Lass es lieber, der liebe Gott sieht alles. Du hast das Mädchen aus der Parallelklasse verhauen? Lass es, der liebe Gott sieht alles.

Vielleicht wäre das ein tolles neues Geschäftsmodell zur Kindersicherung von Computern. „Du willst auf Websites gehen, die nicht für Kinder bestimmt sind? Lass es, der liebe Gott sieht alles.“

Na ja, spätestens in diesem Alter sind die Kinder dann soweit, dass sie diese Mahnung vielleicht nicht mehr so ernst nehmen. Oder zumindest kontern: Der liebe Gott sieht alles, aber er verrät es nicht!

Das ist nicht nur ein Witz, das ist eine ganz wichtige Erkenntnis. Und so scherzhaft es vielleicht gemeint ist, ich glaube, wer diesen Satz sagen kann, ist viel näher an der Wahrheit als die, die ihren Kindern mit Gottes Allwissenheit drohen.

Das ist eine Maske, die manche unserem Gott aufsetzen. Diese Maske des strafenden Gottes, der jede kleine Missetat penibel aufschreibt, kleine Sünden am besten sofort bestraft, und vor dem man Angst haben muss. Wer so aufgewachsen ist, für den ist Gott etwas Bedrohliches. Es gibt einen wunderschönen Psalm, ein altes Gebet, in der Bibel. Das beginnt so: „Nähme ich Flügel der Morgenröte und flöge ans äußerste Meer, würde auch dort deine Hand über mir sein und deine Rechte mich halten, Herr.“ Ein Gebet des Vertrauens ist das eigentlich. Egal, wo ich bin, egal, was ich tue, egal, wie ich mich fühle: Ich kann gar nicht so weit weg sein, dass du, Gott, nicht noch über mich wachst, mich beschützt, mir nahe bist. Doch für manche wird es zur Bedrohung: Ich kann diesem penibel alles registrierenden Gott nicht entkommen. Er weiß alles. Und wo ich auch hingehe, er ist immer da und passt auf, was ich wieder falsch mache. Nein, sage ich. So nicht. Gott ist kein Erziehungsmittel. Weg mit dieser Maske vor Gottes Gesicht!
Aber – wie ist Gott denn dann? Wie soll ich mir den vorstellen? Kann ich mir das vorstellen, dass es überhaupt so ein Wesen gibt, ganz egal, ob er nun strafend ist, liebevoll oder vielleicht einfach nur abwesend, irgendwo anders unterwegs?

Die meisten Menschen vor 2000 Jahren stellten sich Gott – oder ihre Götter – als ziemlich unnahbare Wesen vor. Weit weg von den Sorgen und Problemen ihrer Zeit. Allmächtig, weit über allem stehend, heilig, größer als der größte König.

Und dann kam dieser Jesus und riss Gott auch diese Masken herunter, die die Menschen ihm gemacht hatten. Er sagte: Nein. Gott ist anders als ihr euch das vorstellt. Er mag groß und mächtig sein, aber das ist ihm egal. Für euch hat er sich klein gemacht. Und die Menschen um Jesus herum haben erfahren: Gott ist so, wie Jesus uns das gezeigt hat. Liebevoll. Radikal liebevoll den Menschen zugewandt. Aufmerksam. Einfach ganz anders, als alle sich das vorgestellt hatten. Der 1. Johannesbrief, eines der Bücher im Neuen Testament, hat es später auf den Punkt gebracht: Gott ist die Liebe. Punkt. Einfach nur das: Gott ist die Liebe. Kein Kleingedrucktes dabei. Keine Bedingungen, keine Zehn Gebote, die unbedingt einzuhalten wären. Einfach nur: Gott ist die Liebe. Und diese Liebe, so haben es die ersten Christen erfahren, diese Liebe führte ihn so weit, dass er in Jesus selbst auf die Welt kam. Wie auch immer man sich das vorstellen kann. Aber warum sollte es für einen Gott auch unmöglich sein? Und in Jesus hat er alles erlebt, was ein menschliches Leben so ausmacht. Angefangen von der vollen Windel und dem vermutlich pieksenden Stroh über Stress mit den Eltern, Freundschaften, Feinde, Verratenwerden, Verlassenheit – bis zum Tod.

Wie nehme ich Gott wahr? Welche Masken verpasse ich ihm? Wage ich es, ihn – oder sie – auch mal anders zu sehen? Ist Gott der strafende Gott für mich oder die liebende Mutter, die Quelle des Lebens oder die Quelle schlechten Gewissens? Ist seine Botschaft für mich eine Drohbotschaft oder eine frohe Botschaft? Und: Bin ich bereit, diesen Satz anzunehmen: Gott ist die Liebe?

Gott ist anders, haben wir in unserem Titel geschrieben. Ja, mit Sicherheit ist Gott anders als alle Bilder, die wir uns von ihm machen. Lasse ich mich darauf ein? Lasse ich mich nochmal neu anrühren? Lasse ich neue Aspekte und Gedanken zu – oder ist mein Bild von Gott schon erstarrt zu einer Maske?

Gott ist anders, haben wir in unserem Titel geschrieben. Und dann ergänzt: Ich auch. Darauf sind wir in unserem Anspiel und in den Liedern schon eingegangen: Welche Masken trage ich selbst eigentlich? Wozu dienen sie? Schränken sie mich ein, helfen sie mir vielleicht auch? (evtl. Kinder fragen, welche sie gerne tragen)

Da ist der Mann, dessen Frau schwer krank ist. Vor lauter Sorge kann er kaum noch klar denken. Nach außen spielt er den Starken. Alles halb so wild, wir kommen schon klar. Und das muss ja auch sein, diese Maske. Er muss doch auch noch seiner Arbeit nachgehen, muss seiner Frau Halt geben, muss für die Kinder da sein. Ist die Maske schon so starr, dass sie ein Teil von ihm geworden ist? Oder kann er sie doch noch ablegen, vielleicht bei einem guten Freund?

Da ist die Schülerin, die eigentlich sehr sensibel ist, träumerisch, vielseitig begabt. Und die mit dieser Art in der Klasse gar nicht ankommt. Der Klassenclown steht ihr besser. So bekommt sie Freunde und Anerkennung. Aber – sind das echte Freunde? Kennen die mehr als nur diese Maske? Und – kennt diese Schülerin sich eigentlich selbst noch?

Da ist ein Mensch, der gerne zur Gemeinschaft der Christen dazugehören möchte. Es gefällt ihm, wie diese Leute miteinander umgehen, jedenfalls in der Gemeinde, die er erlebt hat. Und auch diese Botschaft von Gott, sie spricht ihn an. Aber immer nagen Zweifel an ihm. Kann das wirklich sein? Ist das alles wahr? Ist das nicht alles nur erfunden? Und dann kommt die Angst: Was würden die anderen in der Gemeinde sagen, wenn sie wüssten, welche Zweifel ich immer wieder habe? Und noch schlimmer: Was sagt Gott dazu, dass ich ihm nicht bedingungslos vertraue? Er wird immer härter, kompromissloser, geradezu fanatisch. Um sich selbst – und Gott und den Menschen um sich herum – nicht eingestehen zu müssen, dass er eben doch Zweifel hat, ob das alles richtig ist.

Noch viele Masken könnte ich aufzählen. Sie wissen das. Manche sind hilfreich, manche schränken uns ein. Doch: Wie trete ich vor Gott? Muss ich vor ihm irgendwie sein?

Gott ist anders. Vor ihm kann ich die Masken fallen lassen. Er weiß alles, was mich bewegt. Er kennt meine tiefsten Geheimnisse, und trotzdem: Das ist nichts Bedrohliches. Nichts, was mir Angst machen müsste. Denn: Gott hat mich doch so gewollt. So, wie ich bin, so bin ich von Gott geliebt. Mit all den Masken und Facetten, die ich schon vor mir selbst nicht gerne zugebe. Mit all meinen Träumen, meinen Ängsten, meinen Ticks, meinen hochfliegenden Plänen und meinen tiefsten Abgründen: Gott hat mich angesehen, hinter alle Masken gesehen und gesagt: Es ist sehr gut.

OK, könnte jetzt einer sagen, ist ja prima. Gott hat mich also mit einer ungeheuren Neigung ausgestattet, einen gewissen Mitmenschen umzubringen. Dann bin ich ja nicht selber schuld, also kann ich ja. Das ist natürlich Quatsch. Kein Quatsch ist aber, dass ich diese Neigung als einen Teil meines Wesens annehme. Dass ich versuche, damit umzugehen. Dass ich versuche, meinen Frieden zu schließen damit. Denn Gott hat hinter alle meine Masken geschaut – und JA zu mir gesagt.

Amen.